Schreiben mit KI statt von ihr
Was fragen Autoren und Autorinnen KI am häufigsten? Einsatzbereiche, Stolperfallen und warum die Kreativität bei dir bleibt. Inkl. kostenlosem Handout.
Kaum habe ich den ersten Artikel meiner neuen Blogserie "Kreative Intelligenz - Schreiben und KI" veröffentlicht, bekomme ich starke emotionale Reaktionen.
„KI? Kein Interesse. Was nicht greifbar ist, existiert nicht – und wo ein Algorithmus mitschreibt, hört das Herzblut auf. Schreiben braucht Haptik, nicht Matrix."
Jede muss ihren eigenen Weg finden. Das gilt beim Schreiben generell, nicht erst seit KI. Wer sich, wie der zitierte Kollege, ganz von der Technologie fernhalten will, wird keinen direkten Nachteil haben. Klingt das widersprüchlich von jemandem, der eine Blogserie über KI im Schreibprozess betreibt? Der scheinbare Widerspruch löst sich auf, sobald man die Frage nicht mehr als Entweder-oder denkt. «Ich nutze KI überhaupt nicht» ist eine legitime Entscheidung.
Die Wahrheit ist: Generative Sprachmodelle nehmen dir die lustvolle und manchmal quälende Arbeit des Schreibens keineswegs ab. Ja, die Modelle können Texte generieren, aber ihre Möglichkeiten sind begrenzt.
„Ich lasse alles von KI schreiben. Prompt: ‚Roman, 99.999 Wörter, garantiert Nobelpreis.' Zack. Ganz easy."
Dieser satirische Kommentar zu meinem Instagram-Post bringt es auf den Punkt: Die Vorstellung mit Hilfe der Sprachmodelle ohne Mühe und vor allem schnell Texte zu veröffentlichen, die Anerkennung finden oder sich zumindest gut verkaufen, ist falsch. Tatsächlich wird Amazon von dieser Art "Kunst", Slob genannt, überschwemmt.
Luka Peters
Ich schreibe Literatur - und über Literatur und Technologie. Mich interessiert, wie Digitalität Schreiben, Lesen, Denken und Lernen verändert.
Aber du bist nicht hier, um zu erfahren, was nicht geht, sondern neugierig darauf, wo KI für Autoren und Autorinnen im Schreibprozess nützlich ist.
Diese Fragen stellen Autor:innen der KI
Ich habe verschiedene KI-Modelle gefragt: Was ist die meistgestellte Frage von Autorinnen und Autoren, die eine KI als Hilfe nutzen? Die Antworten fielen ähnlich aus und natürlich gibt es keine Belege dafür, also kann ich nicht beurteilen, wie zuverlässig die Ergebnisse sind. Aber es lassen sich Schlüsse daraus ziehen, und so habe ich ein paar typische Themen daraus extrahiert. Im Vergleich mit den zahlreichen Diskussionen, die Schreibende in Online-Foren führen und mit den Artikeln in Fachmagazinen für Autor:innen sehe ich, dass genau die folgenden Themen in der KI-Antwort gespiegelt werden. So viel Wahrheitsgehalt haben wir also zur Verfügung.
Die meistgestellten Fragen sind Varianten desselben Grundproblems: Wie nutze ich KI so, dass der Text nicht nach KI klingt? Wie behalte ich meinen Stil? Wie verhindere ich, dass alles flach wird?
Die Kernfrage ist, wie man mit KI schreibt, ohne die individuelle Identität als Autor:in zu verlieren.
Was hinter den Fragen steckt, lässt sich zu typischen Schritten im Schreibprozess zusammenfassen.
Brainstorming und Ideenfindung ist der häufigste Einstieg, nicht als Lösung, sondern als Anstoß. Wer beim Schreiben feststeckt, fragt beispielsweise: «Gib mir fünf Perspektiven auf dieses Thema.» Die Antworten sind selten direkt verwertbar, aber sie helfen, das eigene Denken wieder in Bewegung zu bringen.
Gliederung und Struktur: Outlines erstellen, Abschnittslogik prüfen, die Textstruktur vor dem Schreiben klären. Laut einer Erhebung von Siege Media (2024) unter Content-Marketer:innen nutzen rund 70 Prozent der Befragten KI dafür.
Stilarbeit: Varianten ausprobieren, eine Passage kürzen, Formulierungen schärfen oder glätten. KI liefert Varianten auf Abruf. Ob sie besser sind oder nur anders bleibt deine Einschätzung.
Administrative Texte: Klappentexte, Exposé-Rohfassungen, Social-Media-Posts. Das sind Texte, die im Schreibprozess Zeit kosten und emotional wenig einbringen. Hier ist KI effizienter.
Als Sparringspartner: Ideen zurückwerfen, Lücken in einem Argument aufzeigen, den eigenen Text durch eine andere Linse sehen. Das ist einer der Einsatzbereiche, den ich persönlich am wertvollsten finde.
Daneben stellt fast jede:r irgendwann auch eine andere Art von Frage – eine, auf die KI keine verlässliche Antwort geben kann: Bin ich noch Autor:in, wenn KI Teile meines Texts mitschreibt? Wo liegt die Grenze zwischen Inspiration und Abhängigkeit? Auf diese Fragen gibt es keine leichte Antwort, aber dass sie gestellt werden, zeigt, wie tief das Thema auch in die Sphäre der Identität reicht.

Was ich in den letzten Monaten erarbeitet habe, wird nun durch eine aktuelle Studie gedeckt. Laut einer Umfrage von BoD (Pressemitteilung, 17.03.2026), an der 3.663 Autor:innen aus dem deutschsprachigen Raum teilgenommen haben, sind die meistgenutzten Bereiche: Recherche (74 %), Brainstorming (59 %) und Korrektorat (59 %). Bemerkenswert ist der gegenläufige Trend beim Kerngeschäft: Der Anteil derer, die KI zur Textgenerierung einsetzen, ist von 30 % auf 24 % gesunken. Das ist ein Zeichen dafür, dass Schreibende KI zunehmend als Werkzeug begreifen und nicht als Ghostwriter.
Vorsicht: Stolperfallen
Zwei Aspekte werden in der Praxis häufig unterschätzt.
Recherche und Halluzinationen. Sprachmodelle erfinden Dinge - nicht absichtlich oder böswillig, aber strukturell bedingt. Ein Modell, das die wahrscheinlichste nächste Wortfolge berechnet, kann keine Fakten «wissen». Es kann plausibel klingende Behauptungen produzieren, die dennoch falsch sind. Das betrifft Jahreszahlen, Namen, Zitate, Quellen. Wer KI für Recherchen nutzt, muss das einkalkulieren und gegenprüfen. Dadurch entsteht ein Aufwand, der sich ebenso gut in eine direkte Recherche in Datenbanken und Bibliotheken investieren lässt.
Urheberrecht. Sprachmodelle wurden mit enormen Mengen an Text trainiert und ein erheblicher Teil davon ohne explizite Genehmigung der Urheber:innen. Die rechtliche Situation ist unübersichtlich und je nach Land unterschiedlich. Was das juristisch für die eigene Nutzung bedeutet, ist noch nicht abschließend geklärt. Aber dieser Aspekt beinhaltet auch ein moralisches Problem, denn Urheberrecht berührt uns auch als kreativ Schaffende auf einer sozialen, emotionalen, vielleicht sogar psychologischen Ebene. Wer KI-generierte Texte veröffentlicht, sollte sich auch mit dieser Frage beschäftigen.
Das ist keine abstrakte Sorge: Laut derselben BoD-Umfrage befürchten 76,5 % der befragten Autor:innen, dass ihre Texte ohne Zustimmung für das Training von KI-Modellen genutzt werden.
Willst du als Autor:in den Unterschied zwischen nützlichem KI-Einsatz und KI-Bullshit kennenlernen? Werde Member von "Literatur & Technologie" und erhalte sinnvolle Einsatzszenarien, anwendbare Methoden und Beispiele aus der Schreibpraxis direkt per E-Mail.
Deine Kreativität bleibt im Zentrum
Sprachmodelle sind statistisch stark; das ist sowohl ihre Stärke als auch ihr strukturelles Limit.
Eine Studie von Xu et al. (2025) hat gezeigt: KI-generierte Geschichten enthalten wiederkehrende Kombinationen von Plot-Elementen, die sich über verschiedene Modelle und Generierungsdurchläufe hinweg reproduzieren. Die gleichen Strukturen, die gleichen Wendungen. Das basiert nicht auf einer Art "Faulheit", sondern auf ihre programmatische Fokussierung auf Quantität.
In der Praxis bedeutet das: Große Teile des Schreibprozesses bleiben bei dir. Originalität entsteht nicht aus Wahrscheinlichkeit. Dialoge schreiben setzt Figurenkenntnis voraus und ein Gespür für den Kontext. Charakterentwicklung mit Tiefe und Widersprüchen entsteht nicht durch Statistik.
Den eigenen Stil imitieren lassen? Technisch möglich. Die Übertragung bleibt aber oberflächlich. Dazu schreibe ich einen eigenen Artikel. Wenn du ihn nicht verpassen willst, abonniere den Newsletter.
Und jetzt ein Geschenk für dich
Ich habe die wichtigsten Punkte aus diesem Artikel in einem Referenzblatt zusammengefasst: Was KI im Schreibprozess gut kann und wo du besser selbst Hand anlegst. Du kannst dieses Dokument nutzen, um dir selbst in einem ersten Schritt zu überlegen, an welchem Punkt du KI einsetzen willst - wenn überhaupt.
Nutzt du KI in deinem Schreibprozess – oder hast du bewusst darauf verzichtet? Und warum? Schreib es in die Kommentare.