Schreibst du noch selbst?

Wie verändert KI das Schreiben? Diese Blogserie richtet sich an Autor:innen, die neugierig sind oder skeptisch: Du bekommst verständliches Hintergrundwissen, praxisnahe Methoden und anwendbare Tools. KI als Werkzeug, statt als Hype oder Bedrohung.

Schreibst du noch selbst?
Photo by Ryan Snaadt / Unsplash

Kreative Intelligenz - Schreiben und KI

Bist du Autor:in und fragst dich, wie dein Schreiben aussehen wird in einer Zukunft, in der "künstliche Intelligenz (KI)"[[1]] omnipräsent ist? Interessierst du dich dafür, in deinen Schreibprozess KI zu integrieren? Oder bist du verunsichert, lehnst KI vielleicht ab, möchtest aber mehr Hintergrundwissen haben, um dich informiert positionieren zu können?

Mit diesem Beitrag starte ich die Blogserie "Kreative Intelligenz - Schreiben und KI", in der die Möglichkeiten und Herausforderungen der Autorschaft im Zeitalter der KI diskutiert werden. Mir ist eine ausgewogene Betrachtung wichtig, denn weder ungebremster Enthusiasmus noch Panik nutzen uns. Menschliche Kreativität soll nicht ersetzt werden, KI kann aber als eines von vielen Werkzeugen hinzugenommen werden - stelle dir vor, du würdest deine Manuskripte noch auf einer Remington herunterhämmern, wie Johnny Depp als Mort Rainey in Das geheime Fenster, statt auf einem Laptop oder PC.

Wir werden uns in dieser Blogserie nicht in Technologie-Blabla verlieren. Stattdessen wirst du verständliches Hintergrundwissen, praxisnahe Lösungen und anwendbare Tools finden.

Luka Peters

Luka Peters

Ich schreibe über Literatur und Technologie. Seit 20 Jahren beschäftige ich mich als Dozent und Berater mit den Auswirkungen von Digitalität auf Bildung, Kultur und kreatives Arbeiten.

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Zurück in die Zukunft

Kaum war die COVID-Epedemie für beendet erklärt, folgte die nächste Erschütterung. Das US-Unternehmen OpenAI machte Ende 2022 sein Large Language Model GPT mit Hilfe des User-Interface "ChatGPT" öffentlich zugänglich. Der entscheidende Faktor liegt im einfach nutzbaren Chatbot: Ein Eingabefenster, so schlicht wie bei einer klassischen Suchmaschine. Der Vorstoß mit einer Software, die - nüchtern betrachtet - nicht einmal das Beta-Stadium erreicht hatte und kaum etwas halbwegs zufriedenstellend zustande brachte, gab OpenAI einen enormen Vorsprung. Trotz seiner Sperrigkeit war der Name sofort in aller Munde, auf allen analogen und digitalen Textseiten, in allen Diskussionen. ChatGPT machte künstliche Intelligenz omnipräsent, weitere US-Firmen zogen rasch nach: Anthropic mit Claude, Google mit Gemini, um nur zwei der Schwergewichte im Ring zu nennen.

Ein alter Traum erwacht erneut

Die Situation ähnelt der, als Ende der 1970er Jahre die ersten Personal Computer auf den Markt kamen. Was zuvor nur in großen Rechenzentren stand und selbst in baulich kleineren Version für den Privatgebrauch zu teuer war, wurde nun in fast handlichem Format und deutlich günstiger angeboten. Man kann die öffentliche Einführung von ChatGPT und Co. aber auch mit der Markteinführung des iPhone vergleichen. Mobile Telefone gab es bereits, aber so handlich war keines.

Mit der Veröffentlichung der generativen Sprachmodelle wurde auch der alte Traum von der maschinellen Intelligenz wieder angestossen - für manche mag es allerdings eher ein Alptraum sein. In den 1960er Jahren entwickelte Joseph Weizenbaum ein Programm, dass er ELIZA nannte. Die Menschen seiner Zeit waren fasziniert, denn scheinbar konnte man sich mit ELIZA unterhalten. Den gleichen Eindruck, allerdings deutlich realistischer, machen heute die GPTs. Dadurch entsteht bei ihrer Benutzung ein ELIZA-Effekt: Auf Basis eines textbasierten Dialogs werden dem Chatbot unbewusst menschliche Eigenschaften zugeschrieben. Wir werden uns in einem zukünftigen Blog ansehen, was das für uns im Schreibprozess bzw. generell im kreativen Prozess bedeutet.

Vier Phasen neuer Technologie

Disruptive technologische Entwicklungen wie der PC, das Handy oder Chatbots haben einen typischen Ablauf gemeinsam:
Phase 1: Eine lange Entwicklungsgeschichte liegt hinter ihnen, die aber nur von Spezialist*innen wahrgenommen wurde.
Phase 2: Jemand modifiziert das Ganze so, dass es leicht nutzbar und finanziell für eine breite Öffentlichkeit erschwinglich wird.
Phase 3: Ein Hype entsteht, die Marketingmaschine läuft, das Produkt wird sexyfiziert, Investoren werden wild und viele schreien "Will auch haben!"
Phase 4: Es entwickelt sich eine Diskussion. Meinungen bewegen sich auf einer Skala von totaler Ablehnung bis zu vorbehaltloser Hingabe.

Mit der öffentlichen Einführung künstlicher Intelligenz entstand in Phase 4 sehr schnell eine bis heute intensiv und kontrovers geführte Diskussion über den Einfluss von KI auf die kreativen Berufe. Innerhalb weniger Wochen war klar, dass repititive Arbeiten, die einen geringen Originalitätswert haben, definitiv durch die Routinen der generativen Programme abgelöst werden. Simple Icons fabrizieren, abstrakte Muster als Hintergründe, SEO-optimierte Textblasen für irrelevante Blogs, stereotype Werbebotschaften oder auch simpel strukturierte, klischeebeladene Krimis und Romance-Lektüre: Die Schwemme der KI-generierten Inhalte in diesen Bereichen (die Aufzählung ist natürlich nicht vollständig) zeigt, wie schnell die generativen Möglichkeiten in bestimmten Bereichen eingesetzt wurden.

Die Angst in den kreativen Berufen

Das hat verständlicherweise Ängste ausgelöst. Werden Texter*innen und Grafiker*innen zukünftig nur noch Prompt-Engeneering machen und den Output bestenfalls noch etwas optimieren? Viele Kreative sind hin- und hergerissen zwischen Faszination und rigoroser Ablehung. Das Erscheinen der KI[[2]] hat aber auch eine Welle an Kreativität ausgelöst. Blogs setzten sich mit KI und Kreativität auseinander. Bücher zum "Schreiben mit KI" wurden veröffentlicht und waren nach wenigen Monaten schon hoffnungslos veraltet. Initiativen wie die Writers Guild of America im angelsächsichen Raum, später im deutschsprachigen Raum vor allem das Netzwerk Autorenrechte, haben erkannt, welche Bedeutung die öffentliche Lancierung von KI für die Autorschaft hat. Hier geht es nicht nur darum, ob der Buchmarkt mit KI-erstellten Schund überschwemmt wird, hier geht es auch darum, mit welchen Daten die Sprachmodelle trainiert wurden, wer dafür an wen Vergütungen zahlen sollte und wie mit Stil-Imitationen umzugehen ist.

Wie es weiter geht

Inzwischen haben wir uns daran gewöhnt, das KI da ist und wie alle technologischen Innovationen wird sie bleiben. Mehr als das: KI wird weiter entwickelt, im Guten wie im Schlechten. Und die Modelle werden sich dank maschinellen Lernens selbst weiter entwicklen, im Guten wie im Schlechten. Es ist also an der Zeit, zu wissen, wie man mit den Modellen pragmatisch umgehen kann.

Darum folgen in dieser Blogserie Beiträge mit pragmatischen Ansätzen und Beispielen aus der Schreibpraxis. Dabei konzentriere ich mich nicht auf ein oder zwei Anbieter oder Modelle. Was du hier liest, wird meistens modell-agnostisch sein, damit du es anwenden kannst, wo immer du willst.

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[[1]]: Ich setze das hier in Anführungszeichen, weil ich den Begriff irreführend finde, für die Verständlichkeit aber weiterhin in meinen Texten verwenden werde.


[[2]]: Obwohl sie faktisch kein Deus Ex Machina ist, kann es einem so vorkommen.